My Great Walk To Greece

Von Magyarhertelend über
Pécs bis Belgrad

Also, nun gut, zum Bericht Nr. 5…

Dieser führt euch weg von Magyarhertelend, ins ungarische Pécs, wo ich zwei Nächte verbracht habe, dann in Richtung Osten zur Donau und an dieser entlang zur serbischen Grenze, über Novi Sad bis Belgrad. Ihr seht, viel Zeit ist zwar vergangen, aber doch noch nicht ganz so viel Strecke. Das liegt daran, dass ich, nachdem ich wieder zurück nach Ungarn geflogen bin, nochmals über eine Woche im Ferienhaus meiner Tante und meines Onkels verbracht habe. Eine schöne Zeit, in der ich aber etwas träge wurde und der Tatsache ins Auge sehen musste, dass sich diese nur durch eine Rückkehr „on the road“ besänftigen ließe. Dann also weiter nach Pécs, mit u.a. dem Ziel, einen Zauberer, den ich zuvor im Zug nach Budapest kennengelernt hatte, zu treffen. Welch wunderbare Zusammenkunft.

Nun aber erst noch ein paar Worte zu meinem, im letzten Bericht erwähnten Heimaturlaub in Deutschland. Hauptgrund für diesen war die Hochzeit meiner Cousine, die die erste gleichgeschlechtliche Hochzeit meines Lebens darstellte. Um es kurz zu fassen. Es war großartig.

Das Erwähnen dieser geht nun aber nicht ausschließlich auf dieselbe zurück, sondern darauf, dass ich hier und jetzt, vor euch allen, meinen Stolz und meine große Freude darüber ausdrücken will, welch ein liberales Land wir doch in Deutschland haben. Es macht vor dem Gesetz bei uns keinen Unterschied, welchem Geschlecht die Partner angehören. Bei der gesellschaftlichen Akzeptanz gibt es zwar noch einiges zu tun, aber, doch sind wir auch hier sehr fortschrittlich. Ich meine, es gibt in dieser Welt immer noch Länder (und es wird sie wohl noch einige Zeit geben) in denen jegliche Homosexualität auf Strafe, die bis hin zur Todesstrafe geht, steht.

Und wir, wir hier, hier in Zentraleuropa, sind jetzt endlich soweit, dass sich die Bestrebungen von vor nicht allzu langer Zeit, Homosexualität heilen zu wollen, in die Bestrebungen der Heilung der Homophobie umgewandelt haben. Yeah…

Genug aber zu diesem Thema und zurück nach Pécs. Zufälligerweise fand in dem Hostel, in dem ich mich befand, nachdem ich mich dann von Magyarhertelend losgerissen hatte, eine kleine Erasmus-Zusammenkunft statt, weswegen ich, dem interkulturellen Austausch zuliebe, “Mr. Tom“ Erdnussriegel, die in Stimpfach, meinem badenwürttembergischen Heimatdorf, hergestellt werden, verteilte. Ich erhielt ein bulgarisches Armband, welches man trägt, um den Frühling willkommen zu heißen (schon etwas zu spät, ich weiß) und an einem früchtetragenden Baum hängen muss wenn man einen Storch gesehen hat. Störche gibt es hier nur leider nicht.

Nach Pécs ging es für mich in Richtung Osten, zurück zur Donau, mit dem Ziel, an deren Radweg die Grenze zu Serbien zu übertreten. Tatsächlich gibt es quer durch Europa, immer an der Donau entlangführend, einen Radweg, den „Eurovelo Nr. 6“, an dem ich auch schon in Österreich und der Slowakei unterwegs war.

Gut einen Kilometer vor der Grenze durfte ich noch Valentin kennenlernen, einen Franzosen, der die Strecke von Paris bis Belgrad mit dem Fahrrad fuhr.

Um aber unsere gemeinsame Grenzerfahrung etwas näher zu beschreiben: Er und ich, ich und er (ich gab ihm den Vortritt) reisten aus, aus Ungarn, zeigten unsere Reisepässe vor, erhielten sie zurück, befanden uns erst im Transit, feierten aber trotzdem als wären wir schon in Serbien, da uns nicht klar war, dass wir uns erst im Transit befanden. Und dann reisen wir doch noch ein nach Serbien, erhielten einen Stempel, fotografierten uns (zufälligerweise war diese Grenze Valentins 2000ster Kilometer) und ich bekam endlich das erste Grenzbild, auf dem ich nicht alleine dastehe. Wuhuu.

Nun gut, Serbien. Alles war plötzlich anders, die Bäume, die Fische, die Sprache, die Bauern. Und endlich fing der Balkan an. Nun ja, um ehrlich zu sein veränderte sich nicht viel. Ich meine, geschichtlich ist das, was heute der Norden Serbiens ist, die Vojvodina, noch stark geprägt von den Habsburgern. Und dieser Teil, so habe ich gelernt, gehört (zumindest den Vojvodinaern zufolge) nicht zum Balkan.

Was ich hier sehr genieße und auch in Ungarn schon getan habe, ist, dass es eigentlich überall am Straßenrand Melonen zu kaufen gibt. Und das zu unschlagbaren Preisen. So sind sie in den letzten Tagen zu einem meiner Hauptnahrungsmittel geworden (ein anderes sind die Blätterteiggebäcke der Bäckereien hier). Zusammengeschnitten, noch ein paar weitere Früchte hinein gepanscht, etwas Kefir dazu, herrlich…

Und in Novi Sad (um zum Nichtbalkan zurückzukehren), der zweitgrößten Stadt Serbiens und Hauptstadt der Vojvodina, sieht tatsächlich alles aus wie Wien. Nur weitaus kleiner, ca. 350.000 Bewohner hat sie und trägt 2019 den Titel der “European Youth Capital“ und 2021 wird sie die europäische Kulturhautstadt sein.

Jetzt gerade, da ich diesen Text fertig schreibe, bin ich aber in Belgrad, der weißen Stadt, mit meinem Freund Benne, in dem ich endlich jemanden gefunden habe, der meinen Wagen für mich schiebt.

Und nun muss ich noch etwas richtigstellen, auf das ich von meiner Familie, von meiner Oma, meiner Tante und meiner Mutter, hingewiesen wurde. Den folgenden Satz habe ich im letzten Bericht so dahingeschieden, ohne recht über seine Bedeutung nachzudenken, wobei fast alle meiner Worte wohl überlegt sind (welch ein Hochmut, aber ja, den habe ich (schaut euch nur meine Mailadresse an)). Im Bericht Nr. 4 hatte ich die Formulierung: „…einen großen Teil meiner Kindheit habe ich hier verbracht …“, die auf Magyarhertelend bezogen war, dem ungarischen Provinzdörfchen, in dem ich mich im Ferienhaus meiner Tante befand, verwendet (wobei, wenn ich es Ferienhaus nenne, ist dies aus ihrer Sicht bestimmt anfechtbar. Als ich mit ihr telefonierte, meinte sie, ich solle einen Gruß an die Heimat sagen). Diese Aussage (die mit dem Großteil der Kindheit) kann richtig und auch falsch sein. Ich meine, einen Großteil meiner Kindheit habe ich hier schon verbracht, wobei kein sonderlich großer Großteil. Für alle, die meine Kindheit nicht mitverfolgt haben und ihre zeitliche Aufteilung nicht kennen, ist es bestimmt deutlicher, wenn ich sage: „Einen Großteil meiner Sommerferien habe ich hier verbracht“ oder noch besser: „Ich war hier über einen Zeitraum von ca. 8 Jahren jährlich ca. zwei Wochen, was alles miteinander addiert, eine Dauer von vier Monaten ausmacht.“ Das ist nun zwar geschätzt, aber trotzdem näher an der Wahrheit als: „…einen großen Teil meiner Kindheit…“, wobei vier Monate auch „ein großer Teil meiner Kindheit“ sind. Ach, wie auch immer. Lange Rede, kurzer Sinn, jetzt wisst ihr Bescheid, dass ich trotz ungarischem Namen und trotz ungarischen Wurzeln (na ja, deutsch ungarischen (meine Großeltern wurden nach dem 2. Weltkrieg aus Ungarn nach Deutschland vertrieben)) dort nicht aufgewachsen bin, sondern hier nur ab und zu mal Urlaub gemacht habe.

So, habe ich zum Ende hin noch etwas zu sagen? Bin mir nicht sicher. Nur, monatelang täglich neue Menschen kennenzulernen und neue Eindrücke zu erhalten strengt irgendwann an. Es ist nach einer bestimmten Zeit gar nicht  mehr möglich all dieses Neue und die ständige Veränderung aufzunehmen. Man stumpft ab und entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit der Großartigkeit gegenüber, eine solche Reise machen zu dürfen. Nun, langsam bin ich an diesem Punkt, bei ungefähr der Hälfte des geplanten Wanderwegs. So kann ich nur sagen, ich bin glücklich darüber, dass mein sehr guter Freund Benne mich besucht und ich mein derzeitiges Leben mit ihm teilen kann. Keine Sorge, weiter geht es aber immer…

In Demut gegenüber jeglicher Existenz

Philipp

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